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Die Apfelernte

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

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🎧 Vorlesen lassen Gelesen von einer KI-Stimme

Lara Linse saß im Gras und war wütend.

Über ihr klapperten Leitern. Über ihr lachten alle. Über ihr fielen die Äpfel in die Körbe, PLONK, PLONK, PLONK.

Und Lara saß unten. Ganz allein im Gras.

Lara Linse ist die Kleinste von Gemüseland. Sie ist noch ganz klein. Erst ein Jahr alt. Sie kann noch nicht sagen, was sie will. Sie kann nur zeigen. Und wenn keiner hinguckt, kann sie auf den Boden patschen.

Sie patschte auf den Boden.

Keiner guckte hin.

Es war Apfeltag in Rudi Rotkohls Garten.

Fünf große Bäume standen dort in einer Reihe, und alle fünf waren voll mit roten Äpfeln. Rudi ging von Baum zu Baum und schaute in die Zweige.

„Nicht ziehen", brummte er dabei. „Drehen. Dann kommt der Apfel ganz von allein."

Ida Ingwer stand oben auf der Leiter. Ida ist acht und will immer alles genau wissen. Sie drehte jeden Apfel, bis er von allein losließ.

Otto Oregano hielt die Leiter fest. Bella Brokkoli trug die vollen Körbe zum Wagen. Und Emil Erbse stand daneben mit einem Zettel und machte bei jedem Korb einen Strich.

Alle hatten eine Aufgabe.

Nur Lara nicht.

Lara krabbelte zur Leiter und zog daran.

„Lara, nein", sagte Otto. „Da steht Ida drauf."

Lara krabbelte zum Korb und setzte sich hinein.

„Lara", lachte Bella und hob sie wieder heraus. „Da kommen Äpfel rein."

Lara krabbelte zum Wagen und zog an einem Rad.

Lara krabbelte zu Emils Zettel und wollte ihn haben.

„Nein", sagte Emil und hob den Zettel hoch. „Das ist meine Liste. Die ist wichtig."

Lara schaute ihm hinterher. Dann setzte sie sich wieder ins Gras.

Da kniete sich Ida zu ihr. „Weißt du was", sagte sie freundlich, „du hältst mal ganz wichtig dieses Tuch."

Sie legte Lara ein Tuch in die Hände.

Lara schaute das Tuch an.

Dann schaute sie Ida an.

Dann warf sie das Tuch weg. Ganz weit.

Lara wollte kein Tuch. Lara wollte eine richtige Aufgabe.

Und dann passierte es.

Lara wollte auch einen Korb tragen, so wie Bella. Sie packte den Rand von einem vollen Korb und zog, so fest sie konnte.

Der Korb kippte.

PLONK. PLONK. PLONK-PLONK-PLONK.

Die Äpfel kullerten über die ganze Wiese. Sie rollten unter die Bäume, unter den Wagen, unter die Hecke. Otto machte einen schnellen Schritt zur Seite, trat auf einen und rutschte fast aus. Alle riefen gleichzeitig etwas.

Dann war es ganz still.

„Kann mal jemand die Kleine woanders hinbringen?", rief Rudi. „Die ist hier im Weg."

Lara saß mitten zwischen den Äpfeln. Ihre Unterlippe zitterte. Dann fing sie an zu weinen. Ganz leise.

Ida kletterte schnell von der Leiter herunter.

„Lara ist nicht im Weg", sagte sie. „Lara bleibt hier."

Und dann setzte sie sich neben Lara ins Gras.

Und dann tat Ida das, was sie am besten kann.

Sie guckte genau hin.

„Bella", sagte Ida langsam. „Guck mal, wo Lara hinschaut."

Bella schaute.

Lara weinte immer noch. Aber ihre Augen wanderten hinter einem Apfel her, der noch rollte. Immer weiter, bis unter die Hecke. Dort blieb er liegen, ganz hinten im dunklen Gras.

„Sie sieht ihn", sagte Bella.

„Wir sehen ihn nicht", sagte Ida.

Sie stand auf und schaute sich um. Alle Großen guckten nach oben, in die Bäume.

Und unten im hohen Gras lagen ganz viele Äpfel. Die waren von allein vom Baum gefallen. Keiner hatte sie gesehen. Auf manche war schon einer draufgetreten.

„Wir gucken alle nach oben", sagte Ida. „Nur Lara guckt nach unten. Lara sieht die Äpfel im Gras!"

Sie ging zwei Schritte und rief über die Wiese:

„Otto! Hast du noch einen kleinen Korb?"

Lara bekam ihren eigenen Korb.

Er war klein und rund und hatte einen Griff zum Festhalten. Und er war ganz allein für sie.

Ida hockte sich hin und zeigte ihr einen Apfel im Gras. Dann legte sie ihn in den Korb. Dann zeigte sie auf einen zweiten und wartete.

Lara verstand sofort.

Sie krabbelte los. Sie fand einen Apfel unter dem Wagen. Sie fand zwei unter dem ersten Baum. Sie fand einen, der in einem kleinen Erdhaufen steckte. Und sie fand den unter der Hecke, den keiner gesehen hatte — sie legte sich flach auf den Bauch und holte ihn heraus.

Jedes Mal, wenn ein Apfel in den Korb plumpste, machte sie ein zufriedenes Geräusch.

Einmal blieb sie sitzen und zeigte nach vorn. Auf dem Apfel vor ihr saß eine Wespe.

„Gut gemacht, Lara", sagte Otto und kam langsam näher. „Wo eine Wespe sitzt, fasst man nicht hin. Man wartet." Sie warteten zu zweit. Die Wespe flog weg. Dann durfte Lara.

Und einmal lag ein Apfel unter einem großen Stein. Lara zog. Der Apfel blieb. Lara zog fester und fiel dabei nach hinten ins Gras. Der Apfel blieb immer noch.

Sie stand wieder auf und zog noch einmal. Es ging einfach nicht.

Da schaute sie sich um und patschte auf den Boden, bis Bella kam.

„Zusammen", sagte Bella und schob den Stein ein Stück weg.

Lara holte den Apfel heraus.

Bella ging hinter ihr her und trug den Korb, wenn er zu schwer wurde. Aber hineingelegt hat jeden einzelnen Apfel Lara.

Am Nachmittag standen alle um den kleinen Korb herum.

Emil zählte. Er zählte zweimal, weil er es genau haben wollte.

„Einundvierzig", sagte er. „Und einer davon lag so weit unter der Hecke, dass ich mich hinlegen musste, um ihn überhaupt zu sehen."

„Einundvierzig Äpfel", sagte Rudi und kratzte sich am Kopf. „Auf die wären wir alle draufgetreten."

Dann ging er zu Lara und hockte sich hin. „Du warst gar nicht im Weg", sagte er. „Entschuldigung, Lara."

„Sind die nicht kaputt?", fragte jemand.

Otto nahm einen aus dem Korb, drehte ihn und roch daran. „Ein paar haben eine kleine Beule", sagte er. „Die legt man nicht mehr oben auf den Korb. Aber zum Kochen sind die genau richtig."

Und so bekamen die Äpfel aus dem Gras ihre eigene Kiste. Die steht seitdem jedes Jahr neben dem Wagen. Und was hineinkommt, wird am Abend zu Apfelmus.

Als es dunkel wurde, war die Kiste voll und Lara war ganz müde.

Sie saß in ihrem kleinen Korb, den sie nicht loslassen wollte, und schlief mit offenem Mund.

In der Hand hielt sie noch einen Apfel. Den allerletzten.

Emil kam auf Zehenspitzen mit seinem Zettel vorbei. Da waren ganz viele Striche drauf. Einer für jeden Korb.

Er schaute auf Lara. Dann nahm er seinen Stift.

Und ganz unten machte er noch einen Strich. Einen ganz dicken.

„Der ist für Lara", flüsterte er.

Ende

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