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Die Sterne am untersten Zweig

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

„Sie sind schon wieder unten!"

Christel Chicoree stand unter der großen Tanne auf der Wiese hinter dem Rathaus und zeigte nach oben. Dann zeigte sie nach unten.

„Schnell", rief sie. „Holt die Gemüsepolizei!"

Die Gemüsepolizei war schon da. Bella Brokkoli und Emil Erbse kamen gerade mit ihren Schlitten den Hang herauf.

Hinter dem Rathaus, auf der Wiese, steht eine große Tanne. Jeden Dezember wird sie geschmückt.

Oben hängen die Glaskugeln, rot und golden. Und dazwischen hängen die Sterne aus Papier. Die haben die Kinder aus Christels Gruppe gebastelt. Jedes Kind einen.

Christel hatte sie ganz oben aufgehängt. Mit der langen Leiter. Damit man sie von überall sieht.

Aber gestern Morgen hingen die Sterne nicht mehr oben. Sie hingen ganz unten. Am untersten Zweig, dicht am Stamm.

Christel hatte sie wieder hochgehängt.

Und heute Morgen? Wieder unten. Alle elf.

„Wer macht so was?", fragte Christel. „Und warum?"

Emil zog seinen Block heraus. „Das finden wir heraus."

Zuerst schauten sie sich alles genau an.

Emil zählte die Glaskugeln. „Alle noch oben", sagte er. „Keine einzige ist unten."

„Nur die Sterne", sagte Bella. „Nur die aus Papier."

Emil kroch unter die Tanne. Am untersten Zweig hingen die elf Sterne in einer Reihe. Dicht am Stamm, unter den dicken grünen Zweigen. Da war es fast dunkel.

Und ganz hinten, im Schnee unter der Tanne, lag etwas. Ein zwölfter Stern. Er war ganz weich. Ganz krumm. Die Farbe war ganz verschmiert.

„Der ist kaputt", sagte Emil. Er legte ihn vorsichtig in seine Mütze.

Dann sah Bella auf den Boden. Rund um die Tanne war der Schnee voller Fußspuren. Von vielen Füßen. Von Kinderstiefeln, von Schlitten, von Rudis großen Gummistiefeln.

„Da kann man nichts lesen", sagte sie. „Hier laufen alle lang."

„Wann passiert es denn?", fragte Bella.

„Gestern Abend hingen sie noch oben", sagte Christel. „Das weiß ich genau. Ich hab beim Heimgehen hochgeschaut."

„Am Abend!", riefen Bella und Emil gleichzeitig.

„Wenn alle nach Hause gehen", sagte Bella.

„Und es dunkel wird", sagte Emil. „Dann schleicht sich jemand an die Tanne."

„Dann passen wir heute Abend auf", sagte Emil.

Christel hängte die Sterne noch einmal hoch.

Am Abend setzten sich Bella und Emil auf die Treppe hinter dem Rathaus. Otto kam mit, mit einer Kanne voll heißem Apfelsaft. Von der Treppe aus sah man die ganze Tanne.

Sie warteten.

Rosa ging vorbei und winkte. Dann kam Willi Wirsing und gähnte. „Ich geh ins Bett", sagte er. „Morgen muss ich ganz früh ans Eis."

Dann ging keiner mehr vorbei.

Es wurde dunkel. Es wurde kalt. Emils Nase wurde rot.

Die Sterne hingen oben. Alle elf.

Um acht Uhr sagte Otto: „Jetzt ist Schluss. Ab ins Bett."

„Aber es ist doch noch keiner gekommen!", sagte Bella.

„Eben", sagte Otto. „Dann kommt heute auch keiner mehr."

Am nächsten Morgen rannte Bella als Erste zur Tanne.

Sie blieb stehen.

Die Sterne hingen unten. Alle elf. Am untersten Zweig, dicht am Stamm.

„Das geht doch gar nicht", flüsterte sie.

Sie hatten aufgepasst. Den ganzen Abend. Und trotzdem.

Bella setzte sich in den Schnee. Mitten vor die Tanne. Ihr war kalt, und sie war wütend, und am meisten ärgerte sie sich über sich selbst.

„Wir haben gesagt, es passiert am Abend", sagte sie. „Und wir haben am Abend gefroren. Für nichts."

Emil setzte sich neben sie. Er sagte nichts Schlaues. Er gab ihr nur seinen Handschuh, weil ihrer nass war.

Sie wussten nicht mehr weiter. Und bald war Weihnachten.

Am Nachmittag fing es an zu schneien.

Emil stand am Fenster und schaute zu. Dicke, weiche Flocken. Sie deckten alles zu. Die Wiese, die Treppe, die Fußspuren.

Da drehte er sich um.

„Bella", sagte er. „Neuer Schnee ist wie ein leeres Blatt Papier. Da steht noch nichts drauf."

Bella sah ihn an.

„Wenn es heute Nacht schneit", sagte Emil, „dann ist morgen früh alles weiß. Und wer dann als Erster zur Tanne geht, der schreibt seine Spur hinein."

„Dann müssen wir vor allen anderen da sein", sagte Bella.

Am nächsten Morgen war es noch dunkel, als Bella und Emil loszogen. Otto ging mit.

Die Wiese war ganz weiß. Ganz glatt. Kein einziger Fußabdruck.

Nur einer.

Eine Spur führte quer über die Wiese zur Tanne. Große Stiefel. Sehr breit. Die Schritte waren schwer und immer gleich lang.

An der Tanne ging die Spur einmal rundherum. Und unten hingen die Sterne. Schon wieder.

„Jemand war schon da", sagte Emil. „Ganz früh. Noch vor uns."

„Nicht am Abend", sagte Bella. „Am Morgen. Wir haben uns geirrt. Alle beide."

Dann bückte sie sich. Sie sah sich die Spur genau an. „Der ist nicht weggerannt. Der ist ganz ruhig weitergegangen. Wie jemand, der jeden Morgen denselben Weg geht."

Bella ging der Spur nach. Emil und Otto hinterher.

Die Spur führte von der Tanne weg. Über die Wiese. Den Hang hinunter.

Bis zum Teich.

Am Ufer stand jemand. Groß. Breit wie zwei Türen. Mit einer Trillerpfeife um den Hals.

Willi Wirsing.

Er hielt einen langen Stock und klopfte damit vorsichtig auf das Eis. TOCK. TOCK. Jeden Wintermorgen prüft Willi das Eis. Noch bevor alle anderen wach sind.

„Willi", sagte Bella. „Hast du die Sterne an der Tanne nach unten gehängt?"

Willi drehte sich um. „Ja", sagte er. „Jeden Morgen. Auf dem Weg hierher."

„Aber warum?", fragte Emil.

Willi zeigte auf Emils Mütze. Da lag noch der zwölfte Stern drin. Der weiche, krumme.

„Deshalb", sagte Willi. „Das ist Papier. Oben in der Tanne fällt der Schnee direkt drauf. Und wenn der Schnee schmilzt, wird das Papier nass und weich, und dann ist es kaputt. So wie der da."

„Und unten?", fragte Bella.

„Unten, unter den dicken Zweigen, ist ein Dach", sagte Willi. „Da kommt kein Schnee hin. Da bleiben sie trocken."

„Ich wollte es Christel sagen", sagte Willi. „Aber ich bin immer so früh unterwegs. Und dann hab ich es vergessen."

Am Vormittag standen alle unter der Tanne. Christel, Willi, Bella, Emil und die zwölf Kinder aus Christels Gruppe.

„Er hatte recht", sagte Christel. „Der zwölfte Stern ist im Schnee kaputtgegangen. Der von Lara."

Die kleine Lara stand ganz vorne. Ihr Stern war weg.

Da kniete sich Emil hin. Er holte den weichen, krummen Stern aus seiner Mütze. Er war inzwischen getrocknet. Ein bisschen schief. Ein bisschen verschmiert. Aber noch ganz.

„Der Stern lebt noch", sagte Emil.

Und dann hängten sie alle zwölf Sterne an den untersten Zweig, dicht am Stamm, unter das grüne Dach.

Lara konnte ihren jetzt anfassen. Sie musste sich nicht einmal strecken.

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📅 Erscheint am Dienstag, 22. Dezember 2026

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