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Eine Karte ohne Namen

Vorlese-Fassung · 3–8 Jahre

Neununddreißig.

Emil Erbse zählte die Karten noch einmal. Es waren immer noch neununddreißig.

„Das geht nicht", sagte er. „Gemüseland hat achtunddreißig Häuser."

Jedes Jahr vor Weihnachten malen die Kinder Karten. Eine für jedes Haus im Dorf. Auf jede Karte kommt ein Bild, und vorne drauf steht, für wen sie ist.

Und jedes Jahr gibt Christel Chicoree der Gemüsepolizei einen Auftrag.

„Alle Karten müssen heute noch ankommen", hatte sie gesagt. „Bevor es dunkel wird. Kalle und Niki tragen die Tasche. Ihr zwei legt sie richtig hin und passt auf, dass keine verloren geht."

Bella Brokkoli hatte die Karten in drei Stapel gelegt. Erst die am Marktplatz. Dann die am Bach. Dann die am Feld.

Emil hatte gezählt. Zweimal.

Und jetzt lag da eine Karte, die zu viel war.

Vorne stand kein Name. Gar nichts. Nur ein Bild war drauf. Ein brauner, runder Klecks. Und rundherum ganz viele kurze Striche.

„Was ist das?", fragte Kalle Kürbis.

„Eine Sonne?", fragte Bella.

„Eine braune Sonne?", fragte Emil.

Erst brachten sie die anderen achtunddreißig zu den Häusern.

Das ging schnell. Kalle rannte mit der Tasche voraus. Niki Nuss kam gemütlich hinterher. Bella las die Namen vor, und Emil machte auf seinem Zettel einen Strich für jede Karte.

An jeder Tür hing ein kleiner Stern aus Holz. Nur an Bellas Tür nicht. Neben jeden Stern steckten sie eine Karte. Bei Bella kam sie in den Türspalt.

Achtunddreißig Striche.

Dann stand die Sonne schon tief über den Feldern. Und in Bellas Hand lag die neununddreißigste Karte.

„Wir fragen einfach", sagte Kalle. „Irgendwer wird sie schon haben wollen."

Sie fragten Rudi Rotkohl. „Ist die für dich?"

Rudi hielt die Karte ganz weit weg von seinen Augen. Dann ganz nah. „Ein Kürbis mit Haaren", sagte er. „Nein. Nicht für mich."

Sie fragten Otto Oregano.

„Ein Busch", sagte Otto. „Ein brauner Busch. Ich hab keinen braunen Busch."

Sie fragten Greta Gurke. Greta holte sofort ihre Liste heraus. Greta hat für alles eine Liste. Sie fuhr mit dem Finger von oben nach unten.

„Weihnachtskarten, die ich bekomme", las sie vor. „Eine. Von den Kindern. Die hab ich schon."

„Und die hier?", fragte Bella.

„Die steht nicht auf meiner Liste", sagte Greta. „Tut mir leid."

Kalle rannte schon zum nächsten Haus. „Schneller!", rief er. „Gleich ist es dunkel!"

Sie fragten Polly Pflaume. Polly sammelt Kastanien.

„Das ist eine Kastanie!", rief Kalle. „Mit der Schale! Die ist für Polly!"

Polly sah sich die Karte lange an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Kastanien sind nicht so rund", sagte sie. „Und sie haben keine Nase."

„Eine Nase?", fragte Bella.

Polly zeigte auf eine Stelle am Rand vom Klecks. Da war ein kleiner schwarzer Punkt.

Jetzt wurde es schon dunkel.

Kalle setzte sich auf die Tasche. „Ich hab keine Lust mehr", sagte er. „Wir haben achtunddreißig Karten zu den Häusern gebracht. Das ist der Auftrag. Die da hat keinen Namen. Dann ist sie eben für keinen."

Er nahm die Karte aus Bellas Hand. „Die kommt in den Müll."

„Nein", sagte Niki.

Sie sagte es ganz ruhig. Aber Kalle hörte auf.

„Jemand hat die gemalt", sagte Niki. „Das hat lange gedauert. Siehst du die vielen Striche? Das sind bestimmt hundert."

Kalle sah die Karte an. Dann gab er sie Bella zurück. Er sagte nichts. Er stand auf, nahm die Tasche und ging ein Stück voraus. Allein.

Keiner sagte etwas. Man hörte nur den Schnee unter den Stiefeln.

Bella sah auf die Karte. Emil sah auf die Karte.

„Wir haben immer gefragt, für wen sie ist", sagte Niki. „Vielleicht sollten wir fragen, wer sie gemalt hat."

Emil hielt die Karte ins letzte Licht.

Der Klecks war nicht in der Mitte. Er war ganz unten. Die Striche waren wild, mal lang, mal kurz. Und manche gingen über den Rand hinaus.

„Das hat jemand ganz Kleines gemalt", sagte Bella. „Jemand, der den Stift noch mit der ganzen Faust hält."

„Und jemand, der noch nicht schreiben kann", sagte Emil. „Darum steht kein Name drauf."

Sie sahen sich an.

„Lara", sagten beide.

Die kleine Lara Linse saß zu Hause am Fenster und malte. Sie malte schon wieder braune Kleckse mit vielen Strichen.

Bella hielt ihr die Karte hin. „Lara. Ist die von dir?"

Lara strahlte. Sie nickte so fest, dass sie fast vom Stuhl fiel.

„Und für wen ist sie?", fragte Emil.

Lara sagte nichts. Lara sagt noch nicht viel. Sie rutschte vom Stuhl, ging zum anderen Fenster und zeigte mit dem ganzen Arm nach draußen.

Auf Fridolins Garten. Auf die Hecke. Auf einen großen Haufen Laub, über dem lange grüne Tannenzweige lagen.

Kalle war leise hinterhergekommen. Er stand in der Tür.

„Pieks", sagte er. „Die Karte ist für Pieks."

Es war fast dunkel, als sie zur Hecke kamen. Fridolin trug eine Laterne. Lara saß auf Kalles Schultern.

Unter dem Laub schläft Pieks, das Igelkind. Den ganzen Winter. Man darf ihn nicht wecken und nicht anfassen.

„Ganz leise", flüsterte Fridolin.

Sie blieben stehen. Keiner bewegte sich.

Und dann hörten sie es. Ganz leise, ganz tief aus dem Laub. Ein Pusten. Ein feines Brummen, wie eine winzige Nähmaschine.

Pieks war da. Und er schlief.

Kalle hob Lara herunter. Bella gab ihr die Karte. Lara steckte sie ganz vorsichtig unter einen Tannenzweig, dahin, wo kein Schnee hinkam.

Emil machte auf seinem Zettel den neununddreißigsten Strich.

Auf dem Heimweg ging Kalle neben Niki.

„Das wär schlimm gewesen", sagte er leise. „Wenn ich sie weggeworfen hätte."

„Hast du aber nicht", sagte Niki.

Kalle nickte. Dann blieb er stehen.

„Moment mal", sagte er. „Pieks kann doch gar nicht lesen."

„Da steht ja auch nichts drauf", sagte Niki.

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Tills Satz

Till ist der kleine Stern im Sternspiel. Er hat nur einen Satz – aber wenn alle gucken, kommt er nicht heraus.

📅 Erscheint am Freitag, 11. Dezember 2026

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