Tills Satz
Vorlese-Fassung · 3–8 JahreTill Tomate kann alles laut.
Er kann laut lachen. Er kann laut rufen. Er kann auf dem Marktplatz so laut pfeifen, dass die Tauben aus dem Kastanienbaum fliegen.
Aber an diesem Nachmittag stand Till oben auf der Rathaustreppe und konnte gar nichts.
Nicht einmal einen einzigen Satz.
In einer Woche ist das Sternspiel.
Jedes Jahr spielen die Kinder auf der Rathaustreppe ein Stück. Christel Chicoree schreibt es, und Christel sagt, wer wer ist.
Dieses Jahr geht es um einen kleinen Stern, der sich am Himmel verlaufen hat.
Bella Brokkoli war der Mond. Emil Erbse war eine Schneeflocke, und darüber hatte er sich sehr gefreut, weil Schneeflocken sich viel drehen dürfen. Frida war der Wind. Arvid war ein Baum und musste nur stehen. Das fand er schwer genug.
Und Till war der kleine Stern.
Der kleine Stern hat nur einen Satz. Er kommt ganz am Ende. Der Stern steht oben auf der Treppe und ruft:
„Ich hab den Weg gefunden!"
Dann gehen alle Laternen an, und das Stück ist aus.
„Einen Satz?", hatte Till gesagt, als er den Zettel bekam. „Den kann ich im Schlaf."
Am Montag übten sie zum ersten Mal zusammen.
Alles lief gut. Der Mond schien. Die Schneeflocke drehte sich, bis ihr schwindelig wurde. Der Wind blies. Der Baum stand, fast die ganze Zeit.
Dann kam das Ende.
Till stieg die Treppe hoch. Er drehte sich um. Unten saßen die anderen Kinder und Christel und Rudi und Otto, und alle sahen ihn an.
Till machte den Mund auf.
Und nichts kam heraus.
Sein Mund war ganz trocken. Seine Hände waren ganz nass. In seinem Kopf war es leer, als ob jemand das Licht ausgemacht hätte.
„Ich hab …", flüsterte er.
Dann war Schluss.
„Macht nichts", sagte Christel. „Das ist das erste Mal. Morgen klappt es."
Am Dienstag klappte es nicht.
Till übte den ganzen Morgen. Er rief den Satz in den Wald. Er rief ihn den Tauben im Kastanienbaum zu. Er rief ihn in Rosas großen leeren Kochtopf, und es kam dreimal ganz komisch zurück: „FUNDEN … FUNDEN … FUNDEN!"
Aber auf der Treppe, wenn alle hinsahen, kam wieder nichts.
Am Mittwoch versteckte er sich hinter Arvid, dem Baum. Das half auch nicht. Arvid ist ein sehr dünner Baum.
Am Donnerstag ging Till zu Christel.
„Ich will nicht mehr der Stern sein", sagte er. „Arvid soll den Satz sagen. Der hat sowieso nur Stehen."
Christel sah ihn lange an. „Bist du sicher?"
Till nickte. Und dann ging er ganz schnell weg, damit keiner sein Gesicht sah.
Am Freitag übten alle wieder zusammen. Till saß unten bei den Zuschauern.
Arvid stieg die Treppe hoch. Er drehte sich um. Er holte tief Luft. Und dann rief er, laut und fröhlich:
„Ich hab die Wurzel gefunden!"
Alle lachten. Arvid wurde rot. „Weg!", rief er. „Ich meine WEG!"
Beim zweiten Mal rief er es richtig. Laut und fröhlich und ohne Fehler. Alle klatschten. Nur Till klatschte nicht.
Er saß ganz still auf seiner Stufe. Das war sein Satz. Den hatte er eine Woche lang in den Wald gerufen und in den Kochtopf und zu den Tauben. Und jetzt hatte er ihn weggegeben.
Nach dem Üben saß Till allein auf der untersten Stufe. Bella setzte sich neben ihn. Emil setzte sich auf die andere Seite. Er drehte sich noch ein kleines bisschen, wie eine Schneeflocke. Dann hörte er auf.
„Du willst ihn doch wiederhaben", sagte Bella. Sie fragte nicht. Sie sagte es einfach.
Till nickte.
„Warum geht er denn nicht raus, wenn alle gucken?", fragte Emil.
„Weil alle gucken", sagte Till. „Es sind so viele Augen."
Bella dachte nach. „Und im Wald? Und am Kochtopf? Da ging es."
„Da hat ja keiner geguckt", sagte Till. „Nur die Tauben."
„Dann ruf ihn doch zu den Tauben", sagte Emil.
Bella sah Emil an. Emil sah Bella an.
„Nicht zu allen", sagte Bella langsam. „Nur zu einem. Such dir einen aus, der unten sitzt. Und dann sagst du den Satz nur zu dem."
Till ging zu Arvid.
„Kann ich ihn wiederhaben?", fragte er. „Den Satz?"
Arvid strahlte. „Endlich! Ich wollte sowieso lieber ein Baum sein. Ein Baum muss sich nichts merken."
Dann ging Till zu Rudi Rotkohl.
„Rudi", sagte er. „Setzt du dich beim Sternspiel ganz nach vorne? In die erste Reihe? In die Mitte?"
Rudi zog die weißen Augenbrauen hoch. „Und warum?"
„Damit ich weiß, wo du bist", sagte Till.
Am Abend vom Sternspiel war es kalt und klar.
Die Rathaustreppe war voll. Der Mond schien. Die Schneeflocke drehte sich. Der Wind blies. Der Baum stand, die ganze Zeit, und war sehr stolz darauf.
Dann kam das Ende.
Till stieg die Treppe hoch. Er drehte sich um.
Unten waren so viele Augen. Bestimmt hundert. Sein Mund wurde trocken. Seine Hände wurden nass.
Dann suchte er die erste Reihe. Die Mitte.
Da saß Rudi. Und Rudi zwinkerte ihm zu.
Till sah nur noch Rudi. Nur einen.
Und dann rief er, so laut, dass die Tauben aus dem Kastanienbaum flogen:
„ICH HAB DEN WEG GEFUNDEN!"
Die Laternen gingen an. Alle klatschten.
Nach dem Stück kam Till die Treppe herunter.
Er ging nicht zu den anderen Kindern. Er ging nicht zu Christel.
Er ging zu Rudi in die erste Reihe und setzte sich ganz dicht neben ihn.
Rudi legte ihm den Arm um die Schulter.
„Ich hab dich gehört", sagte er. „Und die ganz hinten auch."
Dann hielt er ihn fest, ganz lange.
Und Till, der sonst alles laut kann, war einfach still.
🤖 Diese Geschichte wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und von einem Menschen geprüft. Mehr dazu